Villa Winter auf Fuerteventura – Das geheimnisvolle Anwesen von Cofete
Wer einmal auf Fuerteventura unterwegs ist und glaubt, die Insel vollständig zu kennen, der hat die Villa Winter noch nicht gesehen. Versteckt auf der wilden Südhalbinsel Jandía, fernab von Tourismuszentren und asphaltierten Straßen, wartet ein Gebäude auf seine Besucher, das mehr Fragen aufwirft, als es Antworten geben kann. Auch 39 Jahre nach dem Tod ihres Erbauers Gustav Winter zieht die Villa noch immer Neugierige, Forscher und Abenteurer in ihren Bann.
Der Weg zur Villa Winter – Ein Abenteuer für sich
Man sollte sich keine Illusionen machen: Der Weg zur Villa Winter bei Cofete ist kein Spaziergang. Serpentinenpisten schlängeln sich durch eine karge, fast mondähnliche Landschaft, und nur wer einen Geländewagen zur Hand hat, sollte sich auf diese Fahrt einlassen. Hat man das abgelegene Dorf Cofete erst einmal erreicht, führt eine staubige Piste hinauf zur etwas erhöht gelegenen Villa.
Schon aus der Ferne zeichnet sich das Gebäude gegen den Himmel ab – bröckelnder Putz, verwitterte Außenwände, der markante Turm im Nordosten. Man spürt, dass hier etwas wartet, das nicht so leicht in Worte zu fassen ist.
El Chatel – Architektur zwischen Schwarzwald und Atlantik
Die Einheimischen nennen das Anwesen schlicht El Chalet. Gebaut wurde es von dem deutschen Ingenieur Gustav Winter (1893–1971), der aus dem Schwarzwald stammte und seit 1937 auf Fuerteventura ansässig war. Das Baujahr selbst ist umstritten: Winter behauptete zeit seines Lebens, er habe die Villa Winter Fuerteventura im Jahr 1958 errichtet. Andere Quellen datieren den Bau auf 1946, also in die unmittelbare Nachkriegszeit.
Der Baustil lässt sich kaum einer Schule zuordnen. Man entdeckt Anklänge an ein Schwarzwaldhaus, spanisch-koloniale Elemente und eigenwillige Details, die kein Handbuch kennt: ein wasserspeiender Krokodilkopf aus Holz, das in mehrere Türen eingravierte Signum »W« – das Markenzeichen seines Schöpfers. Das Hauptgebäude ist quadratisch angelegt, teilweise in den Hang eingelassen, und öffnet sich zu einem zentralen Innenhof, der von Rundbögen gesäumt wird.
Wer die Augen offen hält, erkennt an einer Fassadenpartie dieselbe Struktur wie an der kleinen Bar im nahegelegenen Cofete – ein stiller Hinweis darauf, dass Winter hier seine eigene Welt erschaffen hat.
Ein Blick in die Villa – Zeitkapsel aus vergangenen Jahrzehnten
Derzeit ist etwa die Hälfte des Gebäudes zugänglich. Was man darin findet, wirkt wie eine Zeitkapsel: In der Garage steht noch immer ein Oldtimer, daneben rosten landwirtschaftliche Geräte deutschen Ursprungs und ein Schienenfahrzeug der Firma Krupp vor sich hin. Reste einer Schienenanlage führen vom Gelände zu einem nahegelegenen Hügel – was auf frühere Bergbauaktivitäten schließen lässt, auch wenn keine gesicherten Aufzeichnungen darüber existieren.
Der Turm im Nordosten der Villa Winter ist von Weitem sichtbar und innen begehbar. Seine Funktion? Bis heute ungeklärt. Man steht darin, blickt durch kleine rechteckige Fenster auf den Atlantik und fragt sich unweigerlich: Was hat man von hier aus beobachtet?
Der Lohn für die beschwerliche Anreise ist ein atemberaubender Blick auf die Strände von Cofete und das tiefblaue Meer – eine Aussicht, die für sich allein schon die Reise rechtfertigt.
Der Mythos Villa Winter – Nazi-Legenden und geheime Bunker
Hier beginnt das eigentliche Kapitel, das die Villa Winter zu einem der rätselhaftesten Orte Fuerteventuras macht. Das Anwesen ist umringt von Legenden, die alle in dieselbe dunkle Epoche führen: in die Jahre des Zweiten Weltkriegs.
Gesichert ist, dass Winter seit 1915 als Ingenieur an verschiedenen Projekten in Spanien beteiligt war. 1937 pachtete er die gesamte Halbinsel Jandía – ein strategisch bemerkenswerter Schachzug. Die Spekulationen ranken sich seitdem um eine entscheidende Frage: Hat Franco persönlich den Deutschen Jandía zu militärischen Zwecken überlassen?
Die Gerüchte, die sich um die Villa Winter ranken, sind Legion. Man spricht von geheimen U-Boot-Bunkern, die durch unterirdische Gänge mit dem Gebäude verbunden sein sollen. Man flüstert, dass die Villa als Versorgungsstützpunkt für deutsche U-Boote gedient habe. Zeugen berichteten, dass im Jahr 1950 auf dem Gelände Höhlen gesprengt wurden – wozu, bleibt offen.
Weiter gehen die Spekulationen: War die Villa Winter möglicherweise als geplanter Exilsitz Hitlers vorgesehen? Diente sie als Umschlagplatz für nach Südamerika flüchtende NS-Größen? Keine dieser Theorien konnte je zweifelsfrei belegt werden – und keine wurde widerlegt.
Winter selbst gab sich unbeeindruckt von derartigen Gerüchten. Er behauptete, auf Jandía ein Zementwerk und eine Fischfabrik aufbauen zu wollen, bis ihm der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Pläne durchkreuzte. Tatsache ist: Er hat die Villa, die seinen Namen trägt, nie selbst bewohnt.
Nach Winters Tod – Verfall und Faszination
Gustav Winter starb 1971. Seine Familie verkaufte das Anwesen daraufhin an eine ortsansässige Baufirma. Was zurückblieb, ist ein Gebäude im Dornröschenschlaf – halb verfallen, halb erhalten, vollständig rätselhaft.
Bis heute zieht die Villa Winter auf Fuerteventura Hobbyforscher, Geschichtsinteressierte und Reisende an, die mehr suchen als Sonnenstrand und Surfwellen. Man steht vor den Mauern dieses außergewöhnlichen Ortes und spürt, dass die Wahrheit hinter den Legenden wohl für immer verborgen bleiben wird.
Und vielleicht ist genau das der eigentliche Charme der mysteriösen Villa Winter bei Cofete: Man darf weiterraten.
Praktische Hinweise: Die Villa Winter ist nur mit einem Geländewagen erreichbar. Die Anfahrt über die Piste nach Cofete ist anspruchsvoll und sollte nicht unterschätzt werden. Ein Besuch lohnt sich in Kombination mit einem Abstecher zum einsamen Strand von Cofete.
