Geschichte Fuerteventuras: Eine Reise durch Jahrtausende
Es gibt Orte, die älter sind als ihre Namen. Fuerteventura ist so ein Ort – eine Insel, auf der der Wind nicht nur durch Dünen streicht, sondern auch durch Jahrtausende. Wer die Geschichte Fuerteventuras verstehen will, muss weit zurückblicken – bis in eine Zeit, in der noch kein Europäer das offene Meer wagte.
Die Ureinwohner Fuerteventuras: Die Majos und ihre Welt
Lange bevor die Spanier kamen, lebten auf Fuerteventura Menschen, die man heute als Majos oder Majoreros kennt. Der Begriff „Guanchen“, wie man die Ureinwohner der Kanaren im allgemeinen Sprachgebrauch nennt, bedeutet wörtlich „Mann von Teneriffa“ – für die Bewohner dieser Insel war er also nie ganz passend. Die Majos Fuerteventuras wählten ihren eigenen Namen, und das mit Bedacht.
Man geht davon aus, dass die Vorfahren der Majos Berberstämme aus Nordafrika waren, die die Insel seit etwa 3000 vor Christus in mehreren Einwanderungswellen besiedelten. Libysch-berberische Inschriften, die auf der Insel gefunden wurden, geben dieser These eine sprechende Grundlage. Man sieht in diesen Zeichen gleichsam die Handschrift einer Wanderung – die eines Volkes, das die Sahara hinter sich ließ und auf Fuerteventura sesshaft wurde.
Die Majos lebten bescheiden: Höhlen und einfache Steinhütten boten Schutz, Ziegenfleisch und Fisch füllten den Bauch, terrassenförmige Felder in vulkanischem Gelände ernährten die Gemeinschaft. In politischer Hinsicht war die Insel in zwei Königreiche geteilt: das nördliche Maxorata und das südliche Gandía – das heutige Jandía. Die Landenge Istmo de la Pared verband die beiden Reiche miteinander, soll aber zugleich durch einen Steinwall getrennt worden sein. Bei Costa Calma kann man noch heute auf Mauerreste stoßen – ob es sich dabei um jenen legendären Wall handelt, bleibt offen.
Phönizier, Homer und Plinius: Die Kanaren in der Antike
Schon im 11. Jahrhundert vor Christus sollen phönizische Händler, jenes Volk, das das Alphabet erfand, von Cádiz aus die Kanarischen Inseln erreicht haben. Sie gaben den Inseln vermutlich den Namen „Purpurinseln“ oder „Purpuraria“ – wegen der Orchilla-Flechte, die in der Antike als begehrter Farbstoff für Stoffe galt.
Die erste schriftliche Erwähnung der Kanaren findet man um 850 vor Christus in Homers Odyssee: Sie erscheinen dort als „Inseln der Glückseligen“, auf denen die Seelen der Toten ewigen Frieden finden. Auch Herodot erwähnte die Inseln im 5. Jahrhundert vor Christus als Heimat des sagenumwobenen Gartens der Hesperiden – jener mythischen Stätte, an der unsterbliche Früchte bewacht wurden.
Im 1. Jahrhundert nach Christus berichtete schließlich Plinius der Ältere in seiner berühmten „Naturalis historia“ von einer Expedition, die König Juba II. von Mauretanien ausgesandt hatte – und bei der die Inseln ihre bis heute gültigen Namen erhielten. Es war der Moment, in dem Fuerteventura zum ersten Mal in die Geschichte eintrat.
Die Neuentdeckung: Expeditionen und Sklavenjagd im 14. Jahrhundert
Nach dem Untergang des Römischen Reiches versanken die Kanaren im Vergessen. Die Sahara-Handelsrouten zogen die Aufmerksamkeit auf sich, und die Inseln im Atlantik ruhten still in sich selbst. Die Ureinwohner Fuerteventuras konnten über Jahrhunderte ihre Hirten- und Bauernkultur ungestört weiterleben.
Dann kam das Jahr 1312. Der Genueser Lancelotto Malocello landete auf Lanzarote – und die Welt der Majos war fortan nicht mehr dieselbe. Die Neuentdeckung der Kanarischen Inseln zog eine Reihe von Expeditionen nach sich, deren Ziele neben Handel und Gold auch die Sklavenjagd waren. Ein dunkles Kapitel begann.
Die spanische Eroberung Fuerteventuras im 15. Jahrhundert
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts erhielt der Franzose Jean de Béthencourt von König Heinrich III. von Kastilien und León den Auftrag zur Eroberung der Kanarischen Inseln. Vollständig gelang ihm das nie – doch Fuerteventura und El Hierro fielen. Der Widerstand der Majos wurde gebrochen, ihre Kultur zerstört, die Überlebenden christianisiert und assimiliert.
Im nach Béthencourt benannten Tal entstand die Stadt Betancuria, zeitweise Hauptstadt der Insel. Franziskaner gründeten das Kloster San Buenaventura, Fuerteventura wurde zum Bistum erhoben. Die Bischofskirche von Betancuria steht bis heute als steinernes Gedächtnis dieser Zeit.
Die Entdeckung Amerikas 1492 verlieh den Kanaren neue strategische Bedeutung: Als letzte Inselgruppe vor dem neuen Kontinent wurden sie zum unverzichtbaren Stützpunkt für den transatlantischen Handel.
Piraten, Militärregierung und Feudalstruktur
Wie das europäische Festland war Fuerteventura nach der Eroberung feudal organisiert – Grafen verwalteten die Insel im Namen der spanischen Krone. Doch der Frieden war fragil. Englische Korsaren und andere Piraten bedrohten die Insel, sodass 1708 eine Militärregierung eingerichtet wurde, die von La Oliva aus die Insel regierte. An der Spitze stand ein Coronel – ein Oberst, der über Dünen und Dörfer wachte.
Das 18. Jahrhundert brachte weitere Nöte: Missernten und Hungersnöte trieben die Bevölkerung zur Auswanderung. Um 1770 sank die Einwohnerzahl von 11.000 auf 4.400 – ein dramatischer Einbruch. Wer blieb, kämpfte. Wer ging, trug das Bild der Insel in die Neue Welt.
1812 wurde das System der Señoríos (Grafschaften) nach rund 300 Jahren abgeschafft. An die Stelle der alten Adeligen traten bürgerliche Großgrundbesitzer, die sogenannten Caciques. Für die einfachen Bauern und Tagelöhner änderte sich dem Namen nach viel – dem Wesen nach wenig.
Freihandel, Hauptstadt und Moderne: Das 19. und 20. Jahrhundert
1852 erklärte Königin Isabella II. die Kanarischen Inseln zur Freihandelszone – und wirtschaftliche Blüte folgte. 1860 wurde Puerto del Rosario (damals noch Puerto de Cabras) zur neuen Hauptstadt Fuerteventuras erklärt. Die Insel wandelte ihr Gesicht.
1912 wurden die Cabildos Insulares, die Inselräte, eingerichtet – der Grundstein für eine spätere Selbstverwaltung der Kanaren. Im Juli 1936 putschte General Francisco Franco von den Kanarischen Inseln aus gegen die spanische Volksfront-Regierung. Der Bürgerkrieg, der folgte, war brutal auf beiden Seiten. Franco siegte.
Seine Versuche, Fuerteventura wirtschaftlich zu modernisieren – Talsperrenbau, Sisal-Anbau, Verbesserung des Trockenfeldbaus – scheiterten allesamt. Die Insel blieb arm, der Wind blieb unbändig.
Der Tourismus als Wendepunkt: Fuerteventura heute
In den 1960er Jahren änderte sich alles. Eine vorsichtige Öffnung Spaniens nach Europa brachte die ersten Touristen auf die Insel. Mit ihnen kamen neue Einnahmen, neue Perspektiven – und ein neues Kapitel der Geschichte Fuerteventuras. Die Auswanderung ließ nach, die Bevölkerung wuchs.
Nach dem Tod Francos 1975 und dem Übergang zur Demokratie erwachten Autonomiebestrebungen. Unter dem Schlagwort „Fuera Godos“ – „Goten raus“ – wandte man sich gegen Madrid und die Dominanz des Festlands. 1982 erhielten die Kanarischen Inseln ihren Autonomiestatus. Der EG-Beitritt Spaniens 1986 brachte Chancen und Herausforderungen zugleich. Der Tourismus und ein anhaltender Bauboom federten wirtschaftliche Einbußen ab.
Heute ist Fuerteventura eine der bekanntesten Urlaubsinseln Europas. Doch wer über ihre weißen Strände wandert oder durch die alten Gassen von Betancuria schlendert, spürt es noch: die Tiefe der Zeit, die hier unter dem Sand liegt.
