Radtouren auf Fuerteventura – Wo der Wind die Richtung vorgibt
Fuerteventura. Der Name allein klingt nach Aufbruch. Nach weiten Horizonten, nach glühendem Vulkangestein, nach einem Wind, der auf den Hochlagen pfeift und auf den Anstiegen schweigt – als wolle er zusehen, wie die Lungen brennen. Wer Radtouren auf Fuerteventura unternimmt, der bekommt keine kuschelige Radreise. Er bekommt eine Auseinandersetzung. Mit Steigungen, die keine Kompromisse kennen. Mit Hitze, die auf unbeschatteten Bergpisten wie eine zweite Schwerkraft wirkt. Und mit einer Landschaft, die den Schweiß belohnt.
Drei Routen. Drei Charaktere. Alle drei verlangen alles.
Radtour durch Jandía – Piste, Puls und Vulkangeröll
Start und Ziel: Costa Calma | Streckenlänge: ca. 20 km | Höhenmeter: 334 | Fahrtzeit: 4 Stunden
Der erste Anstieg kommt früh – und er meint es ernst.
Man startet in Costa Calma und rollt zunächst auf der FV-2 Richtung Morro Jable an. Die Straße steigt gleichmäßig, der Asphalt gibt noch Sicherheit. Doch schon kurz nach Kilometer 73 beginnt das eigentliche Spiel: Eine Piste zweigt rechts ab, schmal, staubig, ohne jede Gnade. Hier wechselt die Tour den Aggregatzustand – von Radfahrt zur körperlichen Prüfung.
Die Piste taucht in einen Barranco hinab, eine jener tiefen Erosionsschluchten, die Fuerteventura wie tiefe Narben durchziehen. Der Abstieg täuscht. Was hinuntergeht, muss rauf – und der Anstieg rechts aus dem Barranco hinaus gehört zu den Passagen, bei denen man zum ersten Mal aus dem Sattel geht. Die Oberschenkel arbeiten. Die Sonne sticht. Der Untergrund wechselt zwischen losem Schotter und hartem Fels.
Oben angekommen, hält man sich in nordöstlicher Richtung über den Höhenrücken. Die Piste verliert sich zeitweise im Gelände – kein markierter Weg, kein Schatten, nur das eigene Gespür und der GPS-Track. Wer hier im Hochsommer fährt, dem begegnet die kanarische Hitze auf eine ganz unmittelbare Art: keine Bäume, keine Häuser, kein Windschatten. Nur der heiße Ostwind, der Körper und Moral gleichermaßen trockenlegt.
Nach mehreren Höhenzügen mit kumulierten Anstiegen tritt die Piste wieder klar zu Tage. Sie führt in Richtung La Pared – dem schmalen Hals der Jandía-Halbinsel – bevor eine Querverbindung nach Costa Calma abbiegt. Der Rückweg rollt. Aber er lässt einem Zeit, zu begreifen, was man gerade geleistet hat.
Sportlicher Schwierigkeitsgrad: Mittel bis anspruchsvoll. Keine technischen Extrempassagen, aber konstant forderndes Gelände auf losem Untergrund. Bei Temperaturen über 30 °C wird aus einer Mittelschweren schnell eine Harte. Wasserreserve mindestens 2 Liter einplanen – es gibt keine Versorgung auf der Strecke.
Radtour von Betancuria nach Ajuy – Höhenmeter auf alten Maultierpfaden
Start: Betancuria | Streckenlänge: ca. 15 km | Höhenmeter: ca. 380 | Fahrtzeit: 2,5 Stunden
Wer denkt, 15 Kilometer seien wenig, hat die Rechnung ohne Betancuria gemacht.
Der Start liegt bereits auf rund 450 Metern Höhe – mitten im gebirgigen Herzen der Insel, wo die alten Ziegenpfade die Berghänge durchziehen und der Wind selbst an klaren Tagen nach Schweiß und Staub riecht. Man verlässt Betancuria auf der FV-30 Richtung Pájara und entscheidet sich früh: Straße oder Piste. Die Piste ist die richtige Wahl – und die härtere.
Parallel zur FV-30 windet sich ein alter Geländetrack durch das zerklüftete Terrain, das die Hochebenen des Inselinneren prägt. Der Untergrund ist uneben, die Linie eng. Wer Kraft in den Armen hat und Technik im Sattel, ist hier im Element. Wer nicht, lernt es schnell.
Kurz vor La Vega de Río de las Palmas beginnt einer der schönsten Abschnitte dieser Radroute auf Fuerteventura: Man überquert den Fluss, hält sich rechts, passiert den Stausee – auf einer derart trockenen Insel ein fast surrealer Anblick –, und steigt dann weiter ab. Das Gefälle zieht an. Der Barranco wird enger, steiler, und die Piste fordert volle Konzentration. Hände auf den Bremsen, Blick auf den Untergrund, Rücken niedrig.
Dann die Küste. Ajuy. Schwarze Felsen, türkisfarbenes Wasser, ein Fischer, der sein Netz flickt. Man streckt die Beine durch und trinkt, was noch im Rucksack ist.
Verlängerung: Die große Runde über Pájara – 40 Kilometer Gesamtstrecke
Wer sich die Rückfahrt nach Betancuria direkt dranhängt, übernimmt eine vollwertige Tagesradtour auf Fuerteventura mit rund 40 Kilometern und über 700 Höhenmetern gesamt. Von Ajuy geht es auf der FV-621 nach Pájara, dann auf der FV-617 weiter – und von Pájara über die FV-30 zurück hinauf nach Betancuria. Der Anstieg zum Schluss ist real. Die letzten Kilometer zurück in die Höhe kosten, was der Abstieg vorher verschenkt hat. Ein fairer Tausch.
Sportlicher Schwierigkeitsgrad: Mittel. Die Pistenpassagen verlangen technisches Können. Der lange Abstieg durch den Barranco fordert aktive Körperspannung und Bremsausdauer. Wer die große Runde fährt, sollte Bergerfahrung auf dem Mountainbike mitbringen. Sonnenschutz ist auf den ungeschützten Höhenabschnitten absolut unverzichtbar.
Radtour auf den Pico de la Zarza – Der harter Insel Anstieg
Start: Barceló Hotel, Morro Jable | Streckenlänge: ca. 16 km | Höhenmeter: ca. 840 | Fahrtzeit: 5 Stunden
840 Höhenmeter. 16 Kilometer. Kein Schatten. Kein Brunnen. Keine Ausrede.
Die Tour auf den Pico de la Zarza – mit 807 Metern der höchste Berg Fuerteventuras – ist die Königsetappe unter den Hike & Bike Touren auf Fuerteventura. Sie beginnt harmlos: Beim Barceló Hotel in Morro Jable rollt man zunächst auf einer geteerten Straße aufwärts, der Asphalt noch glatt, die Steigung noch moderat. Doch das ist die Ruhe vor dem Sturm.
Beim Wasserspeicher endet die Zivilisation. Ab hier beginnt eine Schotterpiste, die sich in Serpentinen und langen Geraden den Berg hochschraubt – unerbittlich, ohne Flachpassagen, ohne Erholung. Die Steigung liegt konstant im zweistelligen Prozentbereich. Wer hier im Sommer fährt, kämpft gegen zwei Gegner gleichzeitig: die Schwerkraft und die kanarische Mittagshitze, die das dunkle Vulkangestein aufheizt bis die Luft darüber flimmert.
Auf jedem Höhenmeter öffnet sich die Insel weiter. Unten liegt Morro Jable wie ein Spielzeugmodell. Links schimmert der Atlantik. Rechts, auf der anderen Seite der Halbinsel, zeichnet sich die Lagune von Sotavento ab. Man schaut und tritt. Tritt und schaut. Irgendwann bleibt nur noch Treten.
Auf rund 660 Metern Höhe ist der Punkt erreicht, an dem das Fahrrad bleibt und die Beine weiter müssen. Der letzte Abschnitt zum Gipfel ist kein Radweg mehr – er ist ein steiler Trampelpfad über loses Gestein, schmal, exponiert, windig. Trittsichere Schuhe sind hier kein Luxus, sondern Pflicht.
Oben. Gipfel. Pico de la Zarza.
Der Wind kommt von allen Seiten gleichzeitig. Und man steht am höchsten Punkt Fuerteventuras und sieht die ganze Insel auf einmal – beide Küsten, beide Ozeane, die Dünen im Norden, den Jandía-Nationalpark zu Füßen. Es gibt Momente, in denen Erschöpfung und Triumph dasselbe Gefühl sind. Das ist einer davon.
Der Abstieg zurück nach Morro Jable folgt demselben Weg. Die Bremsen werden warm. Die Unterarme auch. Aber der Berg lässt einen gehen.
Sportlicher Schwierigkeitsgrad: Hoch. Dies ist die anspruchsvollste MTB-Tour auf Fuerteventura. Die kombinierte Last aus konstantem Anstieg, Hitze und Gerölluntergrund macht sie zu einer echten Ausdauerprüfung. Mindestens 3 Liter Wasser einplanen. Frühzeitiger Start – idealerweise vor 8 Uhr – schützt vor der schlimmsten Mittagshitze. Vollfederung und breite Reifen sind auf der Piste deutlich im Vorteil.
Radfahren auf Fuerteventura – Was Sportler wissen müssen
Radfahren auf Fuerteventura ist kein Freizeitvergnügen für zwischendurch. Es ist Sport – ernsthafter, schweißtreibender, lohnender Sport. Die Insel stellt keine künstlichen Hindernisse auf. Sie bietet echte: steile Vulkanpisten, Geröllpassagen, lange ungeschützte Anstiege unter der Sonne der Kanaren.
Beste Reisezeit für sportliche Radtouren: Oktober bis März. Die Temperaturen zwischen 18 und 24 °C machen auch anspruchsvolle Anstiege beherrschbar. Im Juli und August können Temperaturen auf den Bergpisten Fuerteventuras auf über 40 °C klettern – dann wird jede Tour zur Extremunternehmung.
Ausrüstung: Für alle drei Routen ist ein Mountainbike mit Vollfederung klar im Vorteil. Breite Reifen mit gutem Profil greifen im losen Vulkanschotter deutlich besser. Helm, Knieschoner auf den technischen Abschnitten, Windbreaker für die Gipfellagen.
Hydration: Die trockene Luft auf den Kanaren täuscht über den tatsächlichen Wasserverlust hinweg. Wer zu spät trinkt, merkt es zu spät. Elektrolytpräparate ergänzen den Wasserhaushalt bei langen Touren unter Hitze spürbar.
Navigation: Auf den Pistenabschnitten dieser Fahrradtouren auf Fuerteventura verliert sich der Weg regelmäßig im Terrain. GPS-Tracks sind kein Komfort – sie sind Sicherheit.
Fazit – Fuerteventura belohnt, den der ankämpft
Diese Insel schenkt nichts. Wer die Barrancos, die Bergpässe und die Hochebenen Fuerteventuras auf dem Fahrrad bezwingen will, muss sich das Panorama verdienen – Meter für Meter, Höhenlinie für Höhenlinie, unter einer Sonne, die keine Gnade kennt.
Aber genau darin liegt die Magie. Wer oben ankommt – auf dem Pico de la Zarza, an der Küste von Ajuy, zurück in Costa Calma –, der hat mehr als eine Radtour gemacht. Er hat die Insel von innen gesehen.
Sattel rauf. Kurbel durch. Der Berg wartet.
